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Der Friedensheilige Bruder Klaus von Flüe

       
   

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Wir erleben den Unfrieden der Welt in vielen Formen:
Das Attentat am 11. Sept. 2001 in New York erschütterte die ganze Welt. Die weltweite Terrorbekämpfung entpuppte sich eher als Terrorförderung. Was im Heiligen Land geschieht, stimmt uns nachdenklich. Einer Umfrage zufolge hat die israelische und palästinensische Jugend jede Hoffnung in die Zukunft verloren.
In die sichere Schweiz platzte am 27. September 2001 der Amoklauf im Zuger Parlament. Und wir hören fast jeden Tag von Gewalt in Familien und Betrieben und auf Pausenplätzen. Aus der Wirtschaft dringen Signale von Unsicherheit und Korruption an unsere Ohren. - Was haben wir zu erwarten?

Im Herbst 2001 fanden mehr Leute als sonst den Weg zu Bruder Klaus. Viele Menschen erlebten ihre Ohnmacht: ‚Wir können ja nichts tun!’Ich stellte mir zuerst die Frage: ‚Was hätte der Friedensheilige getan?’
Später fragte ich: ‚Was hat er getan’? Denn sein ganzes Leben ist eine Friedensbotschaft. Es lohnt sich hinzuschauen.

Zu Beginn stellen wir nüchtern fest: Bruder Klaus lebte nicht in der ‚guten alten Zeit’, sondern in einer recht chaotischen Zeit:

  • Unruhe gab es in der Kirche, die an vielen Krisenerscheinungen litt. So führte Bruder Klaus einen Prozess gegen den eigenen Pfarrer und hatte zwischen dem Kloster Engelberg und der Pfarrei Stans zu vermitteln.
  • Ziemlich anarchistisch eroberten jugendliche Banden aus der Innerschweiz den Thurgau (1458 + 1460) und zogen später - als ‚Saubannerzug’ - nach Genf (1477).
  • Daraufhin schlossen die Städte untereinander ein ewiges Burgrecht. Das wiederum führte zu Spannungen zwischen Land- und Stadtkantonen. Das Bündnisgeflecht der Eidgenossen war zu locker und konnte diese nicht lösen. Die Tagsatzung in Stans (1481) nahm dazu einen letzten Anlauf.
  • Der dreifache Sieg der Eidgenossen über Karl den Kühnen, den Herzog von Burgund (1476-77), förderte das Vertrauen in die Hellebarden und die Lust am Kriegshandwerk. Reislaufen und Pensionenwesen schossen ins Kraut.

Mit diesen und anderen Vorgängen konnte Niklaus von Flüe sich nicht abfinden. Aber was hat er nun getan, dieser junge Mann auf dem Flüeli?

  • Er schrie keine lauten Proteste ins Land hinaus und stiftete nicht zu revolutionären Gegenaktionen an. Er nahm alle Vorgänge mit offenen Augen wahr und überdachte sie mit klarem Verstand. Die Antwort gab er in einem alternativen Leben, das seinen Vorstellungen entsprach.
  • Er suchte über Jahre hinweg die Einheit mit Gott, und war erst glücklich als Eremit im Ranft. Aber gerade in der Abgeschiedenheit begann sein Leben zu leuchten. Denis de Rougemont schreibt: ‚Er verliess diese Welt. Doch die Welt kam zu ihm’.

Sein Friedenswirken begann nicht erst bei der Tagsatzung in Stans Ende 1481. Sein ganzes Leben ist eine Friedensbotschaft. Dem wollen wir jetzt nachtasten.

Im ersten Teil beobachten wir den Mystiker Bruder Klaus
und zeigen ’Die Sehnsucht nach dem ‚einig Wesen’ auf.

Im zweiten Teil beobachten wir den Praktiker Niklaus von Flüe
und zeigen ’Die Friedensbotschaft des Friedensheiligen’ auf.

Im dritten Teil beschäftigt uns die Frage:
Was können wir tun?

Erster Teil: Der Mystiker Bruder Klaus oder ’Die Sehnsucht nach dem ‚einig Wesen’.

Der Bauernbub auf dem Flüeli ist in die Natur eingefügt, in der Sippe aufgehoben, mit der Heimat verbunden. Er kennt seinen Lebensraum wie kein anderer. Aber das Sichtbare genügt ihm nicht. Er hat einen unbändigen Drang, auch die hintergründige Welt, die Wirklichkeit Gottes in den Blick zu bekommen. Er zieht sich von den Spielen der Kameraden zurück und sucht verborgene Plätze auf. Er will Gott gerecht werden und versagt sich schon als Bub Speise und Trank.

Mit 16 Jahren sieht er ‚Einen hohen schönen Turm an der Stelle, wo jetzt sein Häuslein und die Kapelle stünden. Darum sei er von Jugend an stets gewillt gewesen, ein einig Wesen zu suchen, wie er es auch getan habe.’ 1) Er sehnt sich nach dem einig Wesen: Er will unten und oben, Sichtbares und Unsichtbares, die Welt der Dinge und die Welt Gottes, die Schöpfung und den Schöpfer miteinander verbinden. Ein dramatischer Suchweg beginnt, zieht sich über mehr als drei Jahrzehnte hin und kommt erst im Ranft ans Ziel.

Das harte Leben eines Bauern beansprucht die meiste Zeit. Dazu kommen zunehmende Verpflichtungen in Gemeinde und Kanton. Niklaus geniesst das Vertrauen seiner Mitbürger und wird Rottmeister, Richter und Ratsherr. In diesen Aufgaben und im persönlichen Leben sind immer neue Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden. Einige von ihnen nehmen wir in den Blick:

  • Niklaus von Flüe pflegt die Betrachtung und das Gebet. Oft zieht er sich nach getaner Arbeit an einsame Orte zurück. Nur seine Frau weiss darum. Zuhause geht er mit seiner Familie zu Bett, steht aber später wieder auf und betet stundenlang am Ofen in der Stube. Das bezeugt sein ältester Sohn Hans. 2) Die Begierden seines Leibes hält er in Zügel durch ein rigoroses Fasten, zuerst jeden Freitag, später an vier Tagen der Woche. In der Fastenzeit genügen ihm ein Stück Brot und ein paar gedörrte Birnen. 3)
  • Niklaus von Flüe ist ein guter Bauer und stolz auf seinen Hof. Aber einmal schreckt ihn ein Erlebnis auf: Er geht zu seinem Vieh schauen; da sieht er eine Lilie aus seinem Mund emporwachsen, bis dass sie den Himmel berührt. Da kommen seine Tiere vorbei. Sein Blick ruht auf seinem schönsten Pferd. Da neigt sich die Lilie und das Pferd frisst sie auf. 4) - Könnte es sein, dass selbst die Tiere seine Gottesliebe gefährden?
  • Als Richter kann er einmal ein ungerechter Urteil nicht verhindern. Da sieht er Feuerflammen aus dem Mund seiner Mitrichter herausfahren. 5) Die vielen Ungereimtheiten in der Politik widern ihn an. Er will sich dem ‚Landesüblichen’ unter keinen Umständen beugen.
  • Immer neue Zeichen Gottes stellen ihn vor immer neue Fragen: Einmal geht er zum Mähen und bittet unterwegs um ein andächtiges Leben. Da sieht er eine Wolke, die ihn anspricht und tadelt: Er solle sich dem Willen Gottes ergeben. Denn er sei ein törichter Mann. Was Gott mit ihm wirken wolle, darin solle er willig sein. 6) - Es geht Niklaus wie dem Petrus. dem Jesus bei einer Begegnung nach der Auferstehung sagt: ‚Wenn du alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird Dich gürten und dich hinführen, wohin du nicht willst’ (Jh 21.18). - Niklaus muss wahrnehmen, dass der Eigenwille sich dem Willen Gottes einzufügen hat.
  • Mit 48 Jahren ist Niklaus von Flüe auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Aber er kann das Unrecht in der Politik nicht mehr ertragen und zieht sich aus allen Ämtern zurück. - Da schwindet auch das Ansehen; böses Gerede macht sich breit; die Familie leidet.
  • Gleichzeitig wird der Ruf Gottes in seinem Innern immer drängender: ‚Gib mir alles zurück, auch das Liebste - Frau und Kind, Hof und Heimat.’ Eine tiefe Schwermut kommt über Niklaus. Er weiss keinen Ausweg mehr.
  • Ein Priester rät ihm, sein Leiden mit dem Leiden Christi zu verbinden. Das bringt Linderung. - Niklaus bespricht seine Not mit seiner Frau Dorothee und den ältesten Söhnen. Sie anerkennen die innere Stimme und fügen sich dem Willen Gottes - Dorothee sicher mit wundem Herzen, der älteste Sohn Hans vielleicht mit zögernder Einsicht. Niklaus kann Abschied nehmen.

Im Ranft ist der lange Suchweg zu Ende. Niklaus von Flüe - nun Bruder Klaus - weiss sich am Ziel. Seine Sehnsucht nach dem einig Wesen hat mit 16 Jahren ein erstes Zeichen bekommen - den Turm. Im vielfältigen Suchen ist aber sein Gottesbild reicher und farbiger geworden. Im Ranft erlebt Bruder Klaus das übersprudelnde Leben des Dreifaltigen Gottes - in einem einfachen Radsymbol.
Wie deutet Bruder Klaus dieses Symbol?

Am besten ist es, wenn wir in Gedanken einen Besuch im Ranft machen: Es ist vor dem Jahr 1480. Wir treffen Bruder Klaus im Gespräch mit einem Pilger (der später seine Erlebnisse aufschreiben und 1487 im ‚Pilgertraktat’ gedruckt herausgeben wird). Wir hören zu, was sie miteinander sprechen.

Zuerst bringt der Pilger manche Fragen ins Gespräch, dann ergreift Bruder Klaus die Initiative: ‚Wenn es dich nicht langweilt, will ich dir mein Buch zeigen, in dem ich lerne.’ Der Pilger will schon deswegen das Buch seen, weil er weiss, dass der Einsiedler weder lesen noch schreiben kann. Nun bringt Bruder Klaus die Zeichnung eines Rades hervor: Da ist die Nabe mit einem Punkt in der Mitte, der Reifen und sechs Speichen, die Nabe und Reifen verbinden.

Und dann beginnt er zu erklären:
‚In dieser Figur sehe ich das Wesen Gottes, seine unendliche Lebensfülle.
Im Mittelpunkt ist die ungeteilte Gottheit, umgeben von der Gemeinschaft der Heiligen. Von diesem Mittelpunkt gehen drei Personen aus, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Sie umgreifen Himmel und Erde, Dinge und Menschen, durchdringen das All und halten es in ihrer Hand. Und wie sie vom innersten Geheimnis ausgehen, so kehren sie wieder dorthin zurück - in die ‚unteilbare Macht.’ 7)

Die Worte von Bruder Klaus sind kurz und bündig. Und doch lassen sie die Ergriffenheit durchscheinen, die ihn packt, wenn er das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes betrachtet. In der Zeichnung sieht er kein trockenes Schema, sondern erlebt die unfassbare Lebensfülle Gottes:

  • Gott bricht aus seinem Geheimnis heraus, faltet sich ‚drei-faltig’ auseinander.
  • Der Dreifaltige Gott umfasst und durchdringt alles Geschaffene, Himmel und Erde, Dinge und Menschen und kehrt wieder in sein Geheimnis zurück.
  • In diesem immerwährenden Ausströmen und Zurückkehren wird der ‚drei-faltige’ Gott zum ‚drei-einigen’ Gott. Aus Vielfalt wird Einheit.
  • Das ist nicht nur ein geheimnisvoller Vorgang im Innern Gottes. Auch die Schöpfung ist miteinbezogen. In ihrer fast unendlichen Vielfalt ist sie immer in Gefahr, auseinander zu fallen. Aber Gott durchdringt sie und fügt sie - als drei-einer Gott - wieder zusammen.
    Soweit unser Besuch im Ranft.

Bruder Klaus hat das übersprudelnde Leben des Dreifaltigen Gottes entdeckt. Im Ranft findet er den Frieden des Herzens, weil er mit Gott im Frieden lebt. Im ‚Dreifaltigen Gott’ erlebt er auch den Urquell des Friedens. Im Brief an den Rat zu Bern aus dem Jahre 1482 diktiert er das Wort: ‚Fried ist allweg in Gott. Denn Gott ist der Fried’. Dieses Wort fasst die lebenslange Erfahrung des Mystikers zusammen.

Nachbemerkung zum ‚einig Wesen’:

Niklaus von Flüe fand das ‚einig Wesen’ schon in den ersten 50 Lebensjahren. Er lebte gottverbunden auch im beruflichen, familiären und politischen Alltag. Auch als er ‚unten’ wirkte, drang das ‚Licht von oben’ auf ihn ein.

Wie war es nach dem Auszug? Verlor der Politiker den politischen Sachverstand, der Landwirt die berufliche Kompetenz, der Familienvater den Sinn für Menschliches? Lebte der Mystiker hinter 7 Wolken? Das Gegenteil war der Fall. Viele Menschen fanden bei ihm ein ‚hörendes Herz’ (vgl. Salomon / 1 Kön 3.9). Politiker aus der Eidgenossenschaft und Gesandtschaften von Fürsten baten um Rat oder Vermittlung. Die politische Kompetenz von Bruder Klaus war nicht nur ungebrochen. Sie war mit göttlicher Weisheit überstrahlt.
Das erklärt auch seinen Einfluss bei den Tagsatzungsherren in Stans 1481.

Zweiter Teil: Der Praktiker Bruder Klaus oder ’Die Friedensbotschaft des Friedensheiligen’.

Im ersten Teil gingen wir vom Leben des Niklaus von Flüe aus. Der Satz aus dem Brief an den Rat zu Bern - ‚Fried ist allweg in Gott. Denn Gott ist der Fried’ - fasste seine lebenslange Erfahrung später in prägnante Worte. Im zweiten Teil gehen wir den umgekehrten Weg: Wir beginnen mit dem Endergebnis und zeigen nachher den Weg auf, der zum Ergebnis führte.

Wir wandern zu einem zweiten Besuch in den Ranft. Es ist vor dem Barbara-Tag - am 4. Dezember 1482.

In der Eidgenossenschaft haben sich die Vorgänge überstürzt. Die Tagsatzung in Stans, unmittelbar vor Weihnachten 1481, findet durch die Vermittlung von Bruder Klaus ein glückliches Ende. Der Obwaldner Eremit ebnet den Städten Solothurn und Freiburg und der zweiten Landessprache den Weg in die Eidgenossenschaft. Im ganzen Land läuten die Glocken; eine Welle von Dankbarkeit dringt in den Ranft. Auch der Rat von Bern schickt ein grosses Geschenk. Bruder Klaus will dafür danken. Er denkt über Frieden nach, fasst seine Erfahrung in Worte und diktiert einen Brief. Wir hören ihm zu, was er sagt.

Zuerst kommt der Praktiker zu Wort, der genau weiss, was die Menschen zum Frieden beitragen können. Er diktiert folgenden Satz:

‚Gehorsam ist die grösste Ehr,
die es im Himmel und auf dem Erdreich gibt.
Darum sollt ihr schauen, dass ihr einander gehorsam seid.’ 8)

Während der Schreiber jedes Wort laut vor sich hinsagt, denkt Bruder Klaus zurück: Eine lange Lebenserfahrung ist in kurze Worte zusammengefasst. So oft hat er als Niklaus von Flüe erfahren: Zum Frieden hinführen kann nur, wer wie Salomon ein ‚hörendes Herz’ hat (Vgl. 1 Kön 3. 9).

Er ermahnt die Ratsherren in Bern zum ‚Horchen’: Nehmt in Euer Herz auf, was die Menschen beschäftigt und bedrückt und begeistert, was sie denken, fühlen und ersehnen.
Wenn Ihr alles in Euer Herz aufgenommen habt, dann ‚ge-horcht einander’. Das heisst: Macht einen Schritt aufeinander zu und überlegt gemeinsam, welche Lösung den Anliegen beider gerecht wird.

Nun schauen wir ins Leben des Niklaus von Flüe. Sind Spuren dieser Grundeinstellung auszumachen? Wie sieht sein Weg zum ‚Einander Gehorchen’ aus?

Erste Stufe:

Horchen und gehorchen kann nur, wer sich selbst gefunden hat. Niklaus hat die ersten zwanzig Jahre nach seinem persönlichen Lebensweg gesucht:

  • Im Leben des Buben Niklaus stehen drei Bilder wie Wegweiser Gottes:
    - Das ‚Heilige Öl’ macht ihn aufmerksam auf die königliche Berufung.
    - Ein Stein erinnert ihn an die ‚Festigkeit und Beständigkeit seines Wesens’
    - und ein Stern mahnt ihn an die Aufgabe, andern Orientierungspunkt zu sein. 9) Dazu kommt beim 16-Jährigen das Turm-Bild, das gewissermassen wie ein ‚Roter Faden’ das ganze Leben durchziehen wird.
  • Niklaus nimmt diese Aufgaben ernst. Er stellt harte Forderungen an sich.
    Er fastet und betet und bildet sein Gewissen nach der Gerechtigkeit Gottes.
  • Einmal erlebt der junge Mann die Entscheidungssituation besonders tief: Ähnlich wie bei Abraham kommen drei Männer auf ihn zu und fragen ihn: ‚Willst du dich ganz mit Leib und Seele in unsere Gewalt begeben?’
    Sofort gibt er Antwort: Niemand ergebe ich mich als dem Allmächtigen Gott. Das freut die Männer, und einer spricht zu ihm: Du wirst 70 Jahre alt werden. Harre aus, dann werde ich dir die Bärenklaue und die Fahne des siegreichen Heeres geben; das Kreuz aber lasse ich dir zum Tragen zurück. 10)

Zweite Stufe:

Niklaus findet den Platz in der Gemeinschaft und erfährt, wie wichtig Horchen und Gehorchen unter Menschen ist. In welchen Situationen hat er dieses Horchen und Gehorchen geübt?

  • Vom Rottmeister Niklaus von Flüe wird erzählt, er habe das Kloster Katharinental vor der Brandschatzung gerettet. Er konnte offenbar seine wilde Horde im Zaum halten. Ein persönliches Vertrauensverhältnis zu seinen Untergebenen und eine unbestrittene Autorität machten das möglich. 11)
  • Als Richter verstand es Niklaus von Flüe offenbar gut, streitende Parteien ‚aussergerichtlich zu einigen’. Der Weg dazu führte über das gegenseitige Verständnis und das Gespräch miteinander. Im gleichen Sinne schrieb er (am 3 Februar 1482) an den Rat zu Konstanz: ‚Mein Rat ist, dass ihr gütlich seid in dieser Angelegenheit, denn ein Gutes bringt das andere.’ 12)
  • Als Gott ihn rief, alles zu verlassen, selbst die Familie, da ging er nicht selbstherrlich seinen Weg. Er suchte das Gespräch mit der Familie und nahm erst Abschied, als Frau Dorothee aus Überzeugung und die Kinder wenigstens aus einer gewissen Einsicht seinem Vorhaben zustimmten.
  • Im Ranft war Bruder Klaus bekannt als einer, der lange hinhören konnte, bis er das Anliegen des Hilfesuchenden ganz in sich aufgenommen hatte. Der anschliessende Rat traf jeweils ins Volle.

Dritte Stufe:

Die Grundhaltung ‚Horchen und Gehorchen’ galt auch in der Politik. Sie stand hinter den Ratschlägen an die Tagsatzung von Stans.

  • Wir wissen nicht, welche konkreten Ratschläge Bruder Klaus dem Pfarrer Heimo Amgrund mitgab. Aber sie regten die Vertreter der Stände an, ‚einander zu gehorchen’. Im Stanser Verkommnis ist die gegenseitige Rücksichtnahme der je vier Landkantone und Stadtkantone deutlich erkennbar:
  • So lösten die Stadtkantone ihr Burgrecht untereinander auf. Und die Landkantone verpflichteten sich, Streifzüge jugendlicher Banden zu unterbinden.
  • Und wie wurden die Stadtkantone Solothurn und Freiburg aufgenommen? Zuerst regelten die acht alten Orte in einem Vertrag die Zusammenarbeit untereinander und den gegenseitigen Schutz. Dann schlossen sie mit Solothurn und Freiburg einen Bündnisvertrag. Ihre Aufnahme geschah gleichsam in zwei Stufen. Im ersten Anlauf waren sie erst ‚Assoziierte’. Diese Form war auch für die Landkantone annehmbar.

Nachbemerkung:

Die Worte vom ‚Einander gehorchen’ haben eine grössere Tragweite, als es auf den ersten Blick scheint. Die Eidgenossen damals vertrauten mehr auf ihre Bärenkräfte und Hellebarden als auf Verhandlungen. Dieses Machtgebaren übertrug sich häufig auch auf den familiären Bereich. Nun begründete Bruder Klaus gewissermassen eine neue politische und familiäre Kultur.

  • Einer Zivilisation der Fäuste stellt er
    eine Kultur der Herzen gegenüber.
  • Einer Zivilisation des Sich Behauptens hält er
    eine Kultur des Sich Einfühlens entgegen.
  • An Stelle von ‚Konfrontation’ propagiert er das ‚Gespräch.’
  • Besser als ‚Sich durchsetzen’ - ist die ‚Gegenseitige Rücksichtnahme’.

Lassen wir offen, wie hellhörig die Eidgenossen damals die Wegweisung ihres grossen Miteidgenossen aufgenommen haben. Die Reformation und die Zeit nach der französischen Revolution brachten noch manche erbitterten Kämpfe. Aber heute hat sich in der Schweiz eine ‚föderalistische Kultur’ durchgesetzt.
Wir denken an das Zusammenleben verschiedener Glaubensbekenntnisse und Sprachkulturen, an Minderheitenschutz und Konkordanzdemokratie.

Es ist unschwer abzusehen, wie die Entwicklung weitergehen wird:
Eine neue Völkerwanderung (Mobilität und Flüchtlingsströme) wird die Vielfalt noch vergrössern. Die christlichen Kirchen verlieren einen Teil ihres Einflusses an fernöstliche Religionen, New-Age und andere Lebensentwürfe. Auf kleinstem Raum treffen sich die unterschiedlichsten Lebensauffassungen. Das bringt viel Zündstoff in die zwischenmenschlichen Beziehungen. In dieser Situation kann das Konfrontationsmodell von damals nicht viel helfen. Das zeigt uns ein Blick nach Ex-Jugoslawien und Zentralafrika, Israel und Palästina und in die Länder mit islamistischen Regierungen.

Bruder Klaus hat damals einen neuen Anfang gesetzt.
Kann er nicht zu einem Neubeginn auch an andern Orten anregen?

Dritter Teil: Was können wir tun?

Hilft der Weg des Bruder Klaus heute noch voran? Davon bin ich überzeugt!
Zwei Grundlinien ergeben sich aus seinem Leben.

  • Der Mystiker Bruder Klaus suchte, was oben ist (Vgl. Kol 3.1). Im ‚Gehorchen’ richtete er sich nach dem Schöpfer und Lenker der Welt aus. Nun geschah es, dass der Friede Gottes wie ein Strom in sein Leben floss - und machte es fruchtbar für viele andere Menschen. Die persönliche Ohnmacht blieb, aber nun war sie mit der Allmacht Gottes verbunden.

    Wir gehen einer Zivilisation der Gottlosigkeit entgegen. Gott hat ausgespielt. Alles ist machbar. Es ist nur eine Frage der Zeit. Der ‚Fortschritts-Glaube’ ist für viele Menschen der einzige Glaubenssatz. Sind auch wir so naiv?

    Der ursprüngliche Weg, die vielen Probleme der heutigen Zeit zu lösen: Nehmen wir den in unsere Mitte, der die Welt erschaffen hat und um alle Gesetzmässigkeiten weiss. Öffnen wir uns für ihn, dass er durch uns wirken kann. Dann kann auch ‚ein Tropfen auf den heissen Stein’ Wunder wirken.

  • Der Praktiker Niklaus von Flüe wusste, was Menschen tun können. Darum gab er dem Rat in Bern seine vielfältige Lebenserfahrung weiter: ‚Horcht aufeinander’ nehmt auf, was andern Sorge oder Freude macht. ‚Gehorcht einander!’ geht aufeinander zu und sucht, was beiden dient.

    Gehen wir einer Zivilisation des Hasses und der Gewalt entgegen? Machtspiele sind allgegenwärtig. Aber sie führen auseinander. Arbeiten wir besser an einer Kultur der Liebe. Denn Liebe führt zueinander.

    ‚Einander Gehorchen’ ist ein einfacher, aber tiefgründiger Leitsatz: Wir haben jeden Tag viele Chancen, als Eltern in der Familie, als Mitarbeiter im Betrieb, als Gläubige in der Pfarrei, als Bürger in der Gemeinde.

    Was, wenn wir trotzdem fast verzweifeln?
    Dass unser Einsatz bestenfalls ein ‚Tropfen auf den heissen Stein’ ist?

  • Dann lassen wir uns ermahnen und ermutigen von Vaclav Havel, dem tschechischen Staatspräsidenten. Vor der Wende hielt er der kommunistischen Propaganda stand. - Ich weiss nicht, ob Havel ein Christ ist. Aber seine Worte treffen unsere Denkweise - und machen uns Mut:

    ‚Sie kennen sicher den Schmetterlingseffekt: Es ist die Vorstellung, dass alles auf der Welt in einer so geheimnisvollen und komplexen Verbindung zueinander steht, dass der kaum merkliche und ganz bedeutungslose Flügelschlag eines Schmetterlings am einen Ende des Planeten an einem Tausende Kilometer entfernten Ort einen Taifun hervorrufen kann.’

    Da sträubt sich etwas dagegen. Können wir das so glauben? Vaclav Havel bleibt hart:

    ‚Ich bin der Meinung, dass man in der Politik an diesen Effekt glauben muss. Man darf nicht denken, dass unsere zwar mikroskopischen, in Wirklichkeit jedoch einmaligen tagtäglichen Taten nur deswegen keinen Sinn haben, weil sie die gigantischen Probleme der heutigen Welt nicht lösen können. In der Welt einer globalisierten Zivilisation kann nur derjenige verzweifeln, der nach einem technischen Trick zu ihrer Rettung sucht. Für denjenigen aber, der ganz bescheiden an die geheimnisvolle Kraft des eigenen menschlichen Seins glaubt, das ihn mit der geheimnisvollen Kraft des Seins der Welt verbindet, gibt es überhaupt keinen Grund zu verzweifeln.’ 13)

Versuchen wir das Gleiche mit christlichen Worten zu formulieren:

  • Als einzelne sind wir tatsächlich nicht mehr als der bedeutungslose Flügelschlag eines Schmetterlings - was kann der schon bewirken?

  • Aber wir Christen sind überzeugt: Gott hat etwas Einmaliges in uns hinein gelegt. Allein was ist das - angesichts der zu lösenden Probleme?

  • Als Christen wissen wir uns auch mit der Allmacht Gottes verbunden.
    Deswegen - und nur deswegen - kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun erzeugen, deswegen - und nur deswegen - kann auch in unserem Leben und in unserer Zeit - Unmögliches möglich werden.



Dieser Vortrag ist als Kleinschrift erhältlich beim Wallfahrtssekretariat, Pilatusstrasse 2, CH-6072 Sachseln, Tel: +41 (0)41 660 44 18 / Fax: +41 (0)41 660 44 45 / wallfahrtbruderklaus.com

Anmerkungen:

Durrer = Verweis auf das Quellenwerk von Robert Durrer ‚Bruder Klaus’ / 2 Bände, 1921 / unveränderter Nachdruck 1981

Gröbli = Verweis auf das Buch ‚Die Sehnsucht nach dem einig Wesen’ / NZN Buchverlag Zürich / 3. Auflage 1995

1) Durrer S. 464 / Gröbli S. 235
2) Hans von Flüe, 1488, Durrer S. 469 / Gröbli S. 275
3) Hans von Flüe, 1488, Durrer S. 464 / Gröbli S. 254 (Versch. Stellen)
4) Durrer S. 535 / Gröbli S. 236 (Vollständiger Text)
5) Durrer S. 677 (Biografie von Hans Salat 1535)
6) Durrer S. 469 / Gröbli S. 235
7) Durrer S. 363f. / Stirnimann S. 305ff. / Uebersetzung: Gröbli S. 302
8) Durrer S. 209 /
9) Durrer S. 469f. / Gröbli S 235
10) Durrer S. 676 (Aus der Biografie von Hans Salat 1535)
11) Die Rettung des Klosters Katharinental wird erst 1614 in der deutschen Biografie von Eichhorn erwähnt.
Nach Durrer (Band 1, S. 13-14) legendenhaft.
12) Durrer S. 183 / Übersetzung in Gröbli S. 155
13) Vaclav Havel / Moral in Zeiten der Globalisierung, rororo aktuell S 19ff.

     
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