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Gottes Wege sind manchmal Umwege

       
   

1. Fastenpredigt in Sachseln: 13. Februar 2005.

Ich erinnere mich an eine Schneewanderung auf einer Alpweide bei dichtem Nebel. Als dieser sich lüftete, mussten wir feststellen, dass wir einen Kreis gezogen hatten. Es war ein Treten an Ort.

Was ist ein Umweg? Im Gelände: Eine Route, die von der Distanz gesehen, nicht die kürzeste ist. Es kann sein, dass ein Umweg sich von der Beschaffenheit des Geländes aufdrängt. Es kann aber auch sein, dass man sich verläuft und einen längeren Weg, als nötig wäre, zurücklegt.

Das Wort "Weg" ist doppeldeutig. "Weg": markiert eine Bewegung, die uns weiter führt."weg" bedeutet aber auch: sich entfernen, weg gehen, davon laufen, verschwinden. "weg treten": bedeutet auch, sich aus Diskretionsgründen entfernen, aber auch gezielt sich distanzieren, ferner auch sich daneben benehmen. "weg": nicht dabei sein, den Verstand verloren, nicht mehr bei Sinnen sein.
Wir reden bei raschem grossem beruflichem oder politischem Erfolg von "Senkrechtstartern": in Kürze, auf dem direktesten Weg haben sie es zu etwas gebracht. Die Erfahrung zeigt, dass solche Karrieren auf die Dauer nicht immer die geglücktesten sind. Gelegentlich entpuppen sie sich als Raketen, die rasch verglühen...
Wir alle möchten normalerweise alles – in den Kategorien von Raum und Zeit gesprochen – auf dem kürzesten und schnellsten Weg erreichen. Das ist verständlich. Nun wissen wir aus Erfahrung, dass das Leben manchmal eben, wie man sagt, eigene Wege geht. Anders gesprochen: wir gehen nicht einfach souverän den selbst gewählten Weg, sondern wir werden geführt.

Das, was wir oft für den besten und uns angemessensten, kürzesten und schnurgeraden Weg ansehen, wäre im nach hinein gesehen gar kein Weg, der uns ans Ziel führen würde, sondern nur ein Bleiben bei uns selber. Ein Weg also, der uns gar nicht weiter brächte. Oder anders: Wir müssen gelegentlich von uns selber "weg" kommen, damit wir zu uns finden. Also einen heilsamen Umweg machen. Das ist wohl der Sinn des Wortes Jesu: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren" d.h. wer krampfhaft an sich selber fest hält, kann sich gar nicht entdecken und so gewinnen.

Wir wollen das illustrieren am Beispiel zweier Berufungsgeschichten:
derjenigen von Jesus und derjenigen von Bruder Klaus

Beginnen wir mit der Versuchungsgeschichte Jesu:
Heute ist der erste Fastensonntag: Seit alters wird uns im Tagesevangelium die Versuchung Jesu vorgelesen. Sie ist eine äusserst dichte, geradezu raffinierte psychologische Erzählung.
Jesus geht in die Wüste, wie andere vor ihm auch, um sich über seinen Lebensweg klar zu werden. Die Wüste ist eine extreme Landschaft. Wer in der Wüste standhalten kann, gewinnt Standfestigkeit. Die Wüste wurde immer wieder als Ort einer herben Gotteserfahrung gesehen. Jesus hat es sich nicht leicht gemacht. Er hat gefastet. Jetzt beginnt er zu hungern. Das will sagen, er wird wieder auf sich und seine elementaren Bedürfnisse zurückgeworfen. Er fängt an zu rotieren. Er ist matt und kraftlos. Und in dieser Schwäche tritt der Versucher an ihn heran, oder anders: er wird in seinem seelischen und körperlichen Erschöpfungszustand von der Versuchung überfallen. Wir können davon ausgehen, dass die Versuchungen sich in seinem Inneren abgespielt haben.

Was sich ihm als Versuchung in den Weg stellt, ist das Verlangen eine Karriere als Senkrechtstarter zu beginnen, seine messianische Sendung, die ihm vorgegeben ist, als Volkstribun zu starten, der den Leuten Brot und Spektakel bringt. Er könnte so flugs populär und umschwärmt, ein Publikumsliebling werden, ein Star, der den Leuten alles vormachen kann, was die Versuchung im Bild vom Sprung von der Zinne des Tempels veranschaulicht.
Wir können uns die Lektüre des Evangeliums zum vornherein ersparen, wenn wir die Versuchung Jesu nicht ernst nehmen. Sie war so ernst und echt wie seine Schmerzen am Kreuz oder seine Gottverlassenheit in der Todesnot. Wenn wir uns Jesus immer so vorstellen als einen, für den ja doch alles von Anfang an glasklar war, den eigentlich nichts wirklich anfocht, nehmen wir sein Menschsein nicht ernst.

Jesus hätte sich auch einen anderen Weg vorstellen können, einen direkten, schnellen und erfolgreichen. Er war durchaus auch empfänglich für angenehmere Varianten. Wie hart Jesus die Versuchung vor seinem öffentlichen Auftreten angefochten hat, offenbart sich noch kurz vor seinem gewaltsamen Tod. Er sagt zu seinem Freundeskreis, dass er nach Jerusalem gehen wolle, in der dunklen Vorahnung, was auf ihn zukommt. Petrus schnappt das auf und, spontan und emotional wie er ist, befürchtet er für Jesus das Schlimmste und will seinem Meister das gefährliche Vorhaben ausreden. Da fährt ihn Jesus an wie sonst nie und mit einer schneidenden und beleidigenden Schärfe, wie jemand, der für einmal fast die Nerven verliert. Er sagt zu Petrus: "Verschwinde von mir, Satan..." Es ist ein Seelenbeben, ein inneres Zittern, das Jesus erschüttert.
Noch einmal überfällt Jesus die Versuchung, einen anderen Weg, eine "sanfte Tour" zu gehen, allenfalls einfach zu fliehen...

Nun machen wir einen geschichtlichen Sprung zur Berufungsgeschichte von Bruder Klaus:
Klaus von Flüe hatte im jungen Alter von 16 Jahren eine Berufungsvision. Er sah einen "hohen, hübschen Turm", der im Ranft steht. Aber diese Turmvision war ja nicht eindeutig. Der Turm symbolisierte etwas Herausragendes, aber der Ranft, der vor seiner Haustüre lag, musste ja nicht Abgeschiedenheit bedeuten, sondern konnte ebenso gut Heimat signalisieren. Klaus von Flüe nahm zwar in der Folge ein "einig Wesen" an, aber daneben schlug er einen weltlichen Lebensweg ein: Der junge Mann konnte diesen geheimnisvollen Fingerzeig Gottes als Auftrag sehen, im einheimischen Bereich Gott zu suchen. Rund dreissig Jahre später, als Klaus gegen die fünfzig ging, setzte eine Mitte-Lebens-Krise ein, verbunden mit Depressionen. Es kam ein längerer Prozess in Gang, der ihn zur Einsicht brachte, dass der bisherige Weg für ihn doch nicht der end-gültige Weg sei. Auch Affären und Korruption in Obwalden haben ihm das Geschäft verleidet. Aber Klaus von Flüe sträubte sich verständlicherweise dagegen, seine berufliche und familiäre Existenz aufzugeben. Ein Zeichen dieser Unschlüssigkeit ist die Tatsache, dass Klaus relativ kurz vor seinem Abschied noch ein Kind gezeugt hat, was in diesem Kontext irgendwie irritierend wirkt. Bezeichnend für diese angespannte Situation ist folgende Vision: Klaus geht eines Tages ins Melchi, um zu mähen. Unterwegs bittet er Gott um ein "andechtig leben". Da vernimmt er aus einer Wolke Gottes Stimme, die ihm sagt, er sei ein törichter Mann, er solle sich in Gottes Willen ergeben. Interpretiert heisst das folgendes: Gott will ihm sagen: deine Bitte ist eine Ausflucht. Du weichst der Entscheidung aus und willst mir die Verantwortung zuschieben.

Nachdem er sich mit sich, seiner Frau und seiner Familie zum Gang in die Einsiedelei durchgerungen hatte, kam der Ranft überhaupt nicht in Betracht. Klaus floh ins "Elend", ins Ausland. Er wollte möglichen Verleumdungen entgehen und suchte in der Ferne andere Gottsucher. In der Nähe von Liestal aber wird ihm der Weg versperrt, er sieht rot und ist am Ende. Dazu kommt der qualvolle, stechende Schmerz im Bauch, und "wie von einem Seil gezogen, mahnt es ihn, in die Heimat zurückzukehren". Der Bericht über diese äusserst kritische Situation von seinem Jugendfreund Erni Rohrer und seinem Seelsorger Heimo Am Grund ist einmalig. Bruder Klaus irrt im Spätherbst in der Gegend von Liestal im Feld herum und sucht einen ansässigen Bauern auf, um ihm sein Herz auszuschütten. Man halte sich diese Szene vor Augen: Klaus hat lange schwierige Jahre über seine Berufung zu Gott gebetet, sich mit seinem Seelsorger ausgesprochen. Endlich hat er den harten, aber befreienden Entschluss gefasst. Kaum aber ist er weggegangen, wird sein Weg blockiert. In dieser Lage weiss Klaus nicht mehr ein und aus. Er ist fix und fertig. Jetzt muss er einfach mit einem Menschen reden und läuft zum nächstbesten Bauernhof. Ohne ein Ahnung, wen er da überhaupt antrifft, geht er ins Haus, beginnt ein umständliches Gespräch, strapaziert die Geduld des wildfremden Menschen, stellt sich vor, um seine seelische Not und Ratlosigkeit an den Mann zu bringen, ohne zu wissen, ob der, dem er das erzählt, eine Antenne für seine geistlichen Probleme oder überhaupt ein mitleidiges Herz hat. Und die Antwort des Baselbieter Bauern ist unwirsch, grob und gehässig. Klaus solle heimgehen und seine religiösen Flausen sein lassen und nicht andern Menschen zur Last fallen. Und schliesslich seien die Eidgenossen alles andere als beliebt in dieser Gegend. Da setzt er ihm noch eins drauf.

Und Klaus ist bereit zu hören, was ihm dieser kaltschnäuzige Berufskollege an den Kopf wirft. Er nimmt die gereizte Antwort des Bauern als Wink Gottes mit dem Zaunpfahl, in seine Heimat zurückzukehren. Wohl nie in seinem Leben war Bruder Klaus ein so demütiger Hörer als in dieser verworrenen und ausweglosen Situation. – Der Weg von seinem Wohnhaus in den Ranft über Liestal war ein beachtlicher Umweg.

Gott hat nicht nur viele Wege für uns bereit, er hat auch viel Phantasie. Und gerade die Erfahrung, die Bruder Klaus gemacht hat, kann analog auch die unsere sein. Oft sind es nicht lange Überlegungen oder professionelle Beratungen, die uns auf den Sprung helfen, sondern gelegentlich ein einfacher Hinweis eines Menschen, der sich dieser Tragweite gar nicht bewusst ist. Ein wohlmeinendes Wort, eine Anerkennung, ein nüchterner oder gar harscher Ratschlag, vor allem dann, wenn er ohne Nebenabsicht erfolgt. Gelegentlich ist es einfach eine Prise gesunder Menschenverstand, die uns weiterführt. Und wir dürfen unsererseits auch zuweilen Wegweiser sein, wo wir es gar nicht beabsichtigen, vor allem dann, wenn wir nicht für uns selber wieder etwas herausschlagen wollen. Aber gerade in dieser Absichtslosigkeit liegt manchmal eine ungeahnte kreative Kraft. Gott führt uns und lässt uns führen in gar nicht spektakulären Begegnungen, wie sie der Alltag bietet. Wir tun oft Gutes, ohne dass wir es wissen. Es kann sein, dass jemand uns sagt, dieses oder jenes Wort habe ihm oder ihr weitergeholfen. Und dabei erinnern wir uns gar nicht daran. Im Unscheinbaren und Verborgenen scheint sehr oft Gottes Vorsehung und Fürsorge auf.

Amen

Prof. Dr. Albert Gasser, Chur

     
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