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Nähe und Distanz -

       
   

2. Fastenpredigt in Sachseln: 20. Februar 2005.

Es ist fast eine Binsenwahrheit, dass erfgolgreiche und professionelle Beratungen ein grosses Einfühlungsvermögen voraussetzen, aber auch gleichzeitig eine innere Unabhängigkeit verlangen. Steht man sich zu nahe, ist die umfassende Sicht und die objektive Unabhängigkeit gefährdet. Darum brauchen Ehepaare oder Freunde immer auch wieder Hilfestellungen von dritten. Im Rechtsdenken gilt der Grundsatz: Niemand ist Richter in eigener Sache.
Aber auch eine gesunde und stabile Partnerschaft von Menschen, die sich lieben, braucht bei aller Nähe auch wieder den lebensnotwendigen Abstand. Jemand lieben heisst nicht: ihn besitzen. Und wo in einer Beziehung ein Partner oder eine Partnerin die eigene Unabhängigkeit verliert, hört die Partnerschaft auf, selbst wenn die Unterwerfung freiwillig geschieht. Letztlich ist eine solche Beziehung auch nicht mehr attraktiv. Freundschaft braucht Dialog, auch Spannung im guten Sinn des Wortes. Wenn in einer Beziehung der eine Teil unmündig wird, kann man auch nicht mehr miteinander reden. Und wo das Gespräch aufhört, hört auch die Partnerschaft auf. Bindung hat nur Bestand unter freien Menschen, die ihre ureigene Persönlichkeit bewahren und bereichernd einbringen.

Jesus gibt uns ein klares persönliches Beispiel im Umgang mit Menschen und Freunden über seine persönliche Gestaltung von Nähe und Distanz.
Er geht auf die Menschen, ihre Krankheiten, ihre Lasten und ihre Schuld ein, er ist für sie aus vollem Herzen da, isst und trinkt mit ihnen und lässt sich auch mit den Sündern ein, auch auf das Risiko hin, deswegen verleumdet zu werden. Jesus nimmt viele Einladungen an und kommt ins Gerede, ein Fressack und Alkoholiker zu sein.
Aber er lässt sich nie von Menschen vereinnahmen. Gelegentlich wimmelt er allzu Aufdringliche ab. Auf eine Schiedsrichterfunktion in einem Erbschaftsstreit will er gar nicht eintreten und gibt das auch dezidiert unfreundlich zu verstehen.
Jesus wird belagert von den Menschen. Sie hängen sich an ihn. Er lässt sich von ihnen berühren. Als seine Begleiter eine hilfesuchende Frau verscheuchen wollen, nimmt sich Jesus ihrer an. Andrerseits zieht er sich von Zeit zu Zeit zurück, begibt sich in die Einsamkeit, pflegt die intime Zwiesprache mit dem Vater. Gelegentlich gibt er auch zu verstehen, dass er es satt hat, sich mit den Mitmenschen, ja selbst mit seinen Jüngern herumzuschlagen. "Wie lange muss ich euch noch ertragen", ruft er einmal zornig und resigniert aus. Er kann die Menschen nur aushalten und in seiner Aufgabe durchhalten, weil er auch abschalten kann und sich letztlich allein von Gott gehalten weiss.
Aber es gab eine Szene, die ans Mark geht. In der Stunde der Todesangst am Ölberg brauchte und suchte er die Nähe von Menschen. Er hoffte auf ihre Hilfe und ihren Beistand. Aber da wichen sie ihm aus und liessen ihn im Stich. Diejenigen, die mit ihm in seiner fürchterlichen Not Nachtwache halten sollten, schlafen ein...

Ein Blick auf Bruder Klaus:

Näher geht‘s nicht mehr, als es Klaus von Flüe getan hat. Er schlägt eine Eremitenklause 15 Gehminuten von Familie und Heimwesen auf.
Klaus hatte den Ranft lange zu verdrängen gesucht. Nach der turbulenten und fluchtartigen Rückkehr aus der Basler Landschaft, versteckte er sich hinten im Melchtal, erschüttert und verunsichert, aber es war bezeichnenderweise auf seiner Alp, wo er fürs erste seine aufgescheuchte Seele beruhigen wollte.
Der Rückzug in den Ranft war zweifellos eine Art Heimkehr. Ob er aber diese unmittelbare Nachbarschaft zur eben verlassenen Welt verkraften könnte? Und war es der Familie zuzumuten? War diese Nähe nicht viel unerträglicher als die Distanz in weiter Ferne? Aber es ging offenbar. Frau und Kinder durften ihn im Ranft besuchen.
Einmal hätte ausgerechnet Bruder Klaus selber Mühe gezeigt, die eingespielte Praxis einzuhalten. So wird erzählt. Klaus war auf dem gewohnten Kirchgang nach Sachseln. Dorthin führt kein anderer Weg als über das Flüeli. Da vernimmt er aus seinem Wohnhaus das Geschrei zankender und heulender Kinderstimmen. Er kann nicht umhin, unter die Fenster seines Hauses zu treten und eine kurze väterliche Standpauke zu halten. Nachher plagen ihn Zweifel, ob sein Verhalten richtig war. Vielleicht ist diese Überlieferung zu hübsch, um wahr zu sein.

Rathäuser und Parlamente, Bürozeiten und Sprechstunden gehören zur neueren Geschichte, Ombudsleute zur Gegenwart. Mittelalterliche Politiker residierten primär auf ihrem Grundbesitz. Der Politiker a.D. Klaus von Flüe entfaltete im Ranft eine rege politische Tätigkeit. Er strebte sie nicht an, sie kam auf ihn zu, drängte sich ihm auf, und er entzog sich der Aufgabe nicht. Er war im Ausstand, aber sein Einfluss wurde stärker denn je.

Der Abstand zur aktiven Politik und zum Tagesgeschäft seines Landes Obwalden vergrösserte seinen Aktionsradius. Die Klause im Ranft entwickelte sich zur "Intensivstation" in politischen, aber auch in religiösen Anliegen und in privaten Sorgen und Nöten. Der Rat des Weisen war sehr begehrt. Der Einsiedler, der bedürfnislos am Rand lebte, stand mitten im pulsierenden Leben.

Bruder Klaus betrieb Aktenstudium. Er liess sich genau unterrichten. Er antwortete ja stets auf Anfragen. Er agierte nicht, er reagierte. Er trug nicht vorgefasste oder nichtssagende Konzepte vor. Er hörte das, was sie vorbrachten, genau an. Er belehrte nicht, er beriet. Er dozierte nicht, er dachte nach.

Bruder Klaus wich nie auf fromme Sprüche aus. Er floh nicht in Floskeln, er blieb beim Geschäft. Er vertröstete nicht, er verhandelte.

Das aussagekräftigste Protokoll über den Stil von Bruder Klausens politischer Beratertätigkeit ist meines Erachtens das des Mailänder Gesandten Bernardino Imperiali, der in einer im wahren Sinn des Wortes brenzligen Situation den Einsiedler im Juni 1483 aufsuchte. Es lag wieder einmal ein eidgenössischer Kriegszug in die Lombardei in der Luft. Speziell in Ob- und Nidwalden knisterte es. Mailand wollte einen Krieg auf alle Fälle vermeiden. Der Mailänder Diplomat liess sich die Gelegenheit zu einem Besuch im Ranft auch deswegen nicht entgehen, weil der älteste Sohn von Bruder Klaus, Hans von Flüe, damals amtierender Landammann von Obwalden war. So zog er mit einem Dolmetscher in den Ranft und erstattete am 27. Juni 1483 darüber einen ausführlichen Bericht.

"Ich habe mit ihm einen Abend und einen Morgen zugebracht und viel über diese Angelegenheit geredet. Lo trovato informato del tutto. Bruder Klaus war also völlig auf dem Laufenden und handelte professionell. Er erklärte, dass er unverzüglich ein Schreiben an seinen Sohn schicken werde, um es an der Ratssitzung vorlesen zu lassen... Bruder Klaus nimmt seine Landsleute nicht in Schutz. Er redete gegenüber seinem Gesprächspartner von "Gemeinheiten". Er bat den Unterhändler aber auch um Verständnis für Eigenheiten seiner lieben Miteidgenossen.

Wir lassen es dabei bewenden. Bruder Klaus hat uns hier gezeigt, was ein Mystiker ist. Mystik war für Bruder Klaus auch Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln. Mystik heisst nicht Weltflucht, sondern Distanz zur Welt, um eine bessere Nähe zu ihr und zu den Menschen zu gewinnen. Bruder Klaus zog in den Ranft, das heisst, er tauchte in die Tiefe ein und war damit umso mehr mitten drin.

Liebe Mitchristen! Echte Religiosität und Gebet überspielt die konkreten Dinge des Lebens nicht, sondern lässt eine innere Distanz gewinnen, damit wir vom Tagesgeschäft nicht völlig vereinnahmt oder gar erdrückt werden, sondern die innere Freiheit wahren und aus der Distanz die rechte Antwort auf die Forderung des Tages finden. Der Umgang mit Gott macht keinen Umweg um den Menschen, lässt die Mitmenschen nicht links liegen, sondern geht direkt auf die Menschen und alles menschliche zu, aber in einer befreienden Distanz, die uns einander eigentlich näher bringt.

Glauben bedeutet nicht Abschied nehmen vom Denken. Glaube heisst ja nicht etwas für wahr halten, was nicht einsichtig oder nicht sinnvoll scheint. Glauben bedeutet niemals abschalten von der Vernunft, vom Auftrag und Gebot der Stunde, auch nicht abschalten von den Schönheiten dieser Welt. Echter Glaube sensibilisiert den Verstand und schärft die Sinne und die Augen für die konkreten Dinge. Glauben bedeutet letztlich dem Leben einen Sinn geben. Die Begegnung mit Gott, die Verwurzelung in Gott ist keine schleichende Verabschiedung von der Welt oder gar Weltverachtung, sondern garantiert die beste Verankerung in dieser Welt. Gottvertrauen schafft Lebensqualität. Das Gespräch mit Gott führt ins Weite. Es entlastet und lässt freier atmen und schafft neue Freiräume. Glauben ist eine Form von schöpferischem Leben.

Amen

Prof. Dr. Albert Gasser, Chur

     
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