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Vom Pferd, das die Lilie auffrisst

       
   

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Ansprache zur Wachenacht im Ranft, 6./7. Mai 2000
Schriftlesung: Kol 3. 1-4

Vor Jahren predigte ich an einer Hochzeit über die ‚Lilien des Feldes’. Auf der Rückfahrt ins Bündnerland besuchte ich noch jemanden in einem einsamen Dörfchen. Plötzlich tat sich neben mir eine ganz in weiss gekleidete Wiese auf. Ich stieg aus - und sah die Wiese voll von Lilien. Nicht vollfette und aufdringlich duftende Lilien aus dem Gewächshaus, sondern zierliche, zarte und diskret duftende ‚Lilien des Feldes’. - So mag sie auch Bruder Klaus auf seinen Wiesen gesehen haben. Und eine solche Lilie wurde ihm einmal zum Gleichnis. Wir hören, was der Biograph Heinrich Wölflin aufgeschrieben hat:

‚Als er nämlich zu anderer Zeit, um das Vieh zu besehen, auf die Wiese kam, setzte er sich auf die Erde und begann nach seiner Weise aus innerstem Herzen zu beten und sich himmlischen Betrachtungen hinzugeben, und plötzlich sah er aus seinem eigenen Munde eine weisse Lilie von wunderbarem Wohlgeruch emporwachsen, bis dass sie den Himmel berührte. Als aber bald darauf das Vieh (aus dessen Ertrag er seine ganze Familie erhielt) vorüberkam und er ein Weilchen den Blick senkte und sein Auge auf ein Pferd heftete, das schöner als die andern war, sah er, wie sich die Lilie aus seinem Mund über jenem Pferde niederneigte und von dem Tiere im Vorübergehen verschlungen wurde.’

I Anfrage an Niklaus von Flüe

Was bedeutet dieses Bild für Niklaus von Flüe?

  • Die Lilie wächst aus seinem Mund, während er betet und sich mit Gott beschäftigt. Sie ist ein Zeichen seiner herzlichen Liebe zu Gott und der Sehnsucht, bei Gott genau so verwurzelt zu sein wie in seiner Welt als Bauer, Familienvater, Bürger und Beamter des Landes.
  • Einen Augenblick wendet sich Niklaus wieder jener Welt zu, die auch ihn am meisten beschäftigt. Er ist ja hingegangen, um nach den Tieren zu schauen. Als Bauer betrachtet er mit Wohlgefallen sein schönstes Pferd. Sein Blick senkt sich. Da senkt sich auch die Lilie und wird vom Pferd verschlungen.
  • Das gibt Klaus zu denken: Wird die Freude am Pferd meine Freude an Gott ‚auffressen’? Leidet meine Liebe zu Gott Schaden, wenn ich an den Dingen dieser Welt hange? Ist dieser Widerstreit zwischen ‚Lilie’ und ‚Pferd’ unlösbar? Wie finde ich das ‚einig Wesen’?

Dieses Erlebnis bewegt Niklaus von Flüe. Eine persönliche Not ist angesprochen, aber auch eine Not im Land. Niklaus sorgt sich nämlich über die um sich greifende Habsucht seiner Landsleute. - Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert: Geld wird auch bei Bauern als Zahlungsmittel wichtiger als Naturalien. Staatskassen werden gefüllt mit Zahlungen für gewonnene Schlachten, einflussreiche Persönlichkeiten erhalten ‚Pensionen’ für die Erlaubnis Söldner anzuwerben. Richter lassen sich für ein ‚vorteilhaftes’ Urteil bezahlen. Die reiche Beute der Burgunderkriege weckt Lust auf weitere Beutezüge. Die Wohlhabenheit der Bauern ist zwar massvoll, aber Geld und Besitz haben auch bei ihnen einen ungebührlichen Stellenwert.

Niklaus erfährt auf seine Weise, wie aktuell die Warnung Christi ist: ’Niemand kann zwei Herren dienen ... Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon’ (Mt 6. 24). Und: ’Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt’ (Mt 19. 23).

Die Vision mit der Lilie und dem Pferd ist für Niklaus von Flüe nochmals ernsthafte Anfrage: Soll ich alles verlassen, um ganz Gott zu gehören?

II Anfrage an uns

Die Vision ist auch eine Anfrage an uns. 550 Jahre sind vergangen, aber die Not ist geblieben. Ja, sie ist fast ins Unermesliche gewachsen. Die Lilie einer herzlichen Liebe zu Gott wächst auch heute noch, vielleicht nicht mehr so weit in den Himmel hinauf. Die Sehnsucht, in der Welt Gottes zuhause zu sein, ist nicht erloschen, auch wenn die Glut oft unter der Asche versteckt ist. Aber diese Lilie ist bedroht von vielen Seiten her, mehr noch als zu Zeiten des Bruder Klaus. Beachten wir einige ‚Zeichen der Zeit’:

  • Geld und Besitz – früher Privileg weniger Menschen – ist heute breit gestreut. Früher hatte man vom meisten zuwenig, heute von allem zuviel. Aber auch die Geld-Gier ist gewachsen. Leider gilt das Wort für viele Menschen: ‚Je mehr man hat, desto mehr hat man zuwenig’.
  • Der Bauernhof auf dem Flüeli war zwar vielfältig, aber doch überschaubar. Die Arbeitswelt heute ist so komplex geworden, dass sie den Einzelnen zunehmend überfordert. Das ist die Folge der rasanten technischen Entwicklung. Eine Zweitausbildung gehört schon zum Standard. Und wer nicht dauernd dazulernt, ist bald weg vom Fenster. Diese Herausforderung belastet und fasziniert so sehr, dass andere Schwerpunkte im Leben kaum mehr Platz finden. Arbeit wird zur Sucht, Stress zu einer Art Genussmittel. Neuerdings gibt es nicht nur Alkoholiker, sondern auch ‚Workholiker’.
  • Wissen häuft sich an in den Köpfen der Menschen. Unwahrscheinliche Mengen müssen gestapelt werden während der Schulzeit und in der Berufsausbildung. Noch mehr flattert täglich über die Medien in die Wohnungen hinein oder ist via Internet abrufbar. Soviel Wissen bringt auch die Illusion mit sich, allwissend oder allweise zu sein. Wir vergessen die geheimnisvolle Welt Gottes, die noch einiges mehr umfasst als das zugängliche Wissen.
  • Früher sei manipuliert worden, lautet der Vorwurf. Man habe mit dem Zeigefinger auf jene gezeigt, die nicht zum Sonntagsgottesdienst kamen. Heute hat sich der Spiess gedreht. Der Zeigefinger weist auf die Kirchgänger. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer als früher. Jugendliche, die nicht mit dem Strom schwimmen, sind geächtet. Mütter, die für ihre Kinder zuhause sorgen, gelten als Mauerblümchen. Eltern, die einander nach 20 Jahren noch lieben, werden belächelt. Medien und Reklame jubeln uns Scheinwerte unter die Weste. Wehe dem, der die ‚Annahme verweigert’. Psychologen beklagen, die meisten Menschen heute würden nicht mehr aus der Mitte ihrer Person heraus leben, sie seien ‚aussengeleitet’ – also Massenmenschen. Eigenartig: Gott hat uns als Originale geschaffen, und wir verkaufen uns als billige Kopien.
  • Dogmen neuer Prägung geistern durch die Welt: Geld macht glücklich, Sex macht glücklich, Traumferien machen glücklich. Wer etwas auf sich hält, muss einen Sportwagen, eine Segeljacht oder eine Luxus-Ferienvilla besitzen. Karrieren als Popstar, Fotomodell, Sportgrösse oder Finanzgenie sind hochgejubelt. Im Trend liegen ist lebenswichtig. Aber wie oft wird der ‚Sinn des Lebens’ nur durch ‚Sinnliches’ ersetzt!.
  • Früher reichte die Lebenswelt kaum über das Dorf hinaus. Die Mobilität ermöglicht den Menschen von heute den Zugang zur ganzen Welt. - Früher kamen Briefe nach Übersee erst nach Wochen oder Monaten an. Die Emails der Jungen schaffen es in Sekunden. - Früher wusste man, wer im Dorf krank war, heute weiss man alles über Hinterhalte in Tschetschenien oder Firmenpleiten in den USA. - Die Informationsflut ist so gross, dass sie kaum mehr bewältigt werden kann.
  • Alles in allem: Dinge und Menschen, Arbeit und Ereignisse, was täglich an uns heranbrandet, das beansprucht sämtliche seelische Kapazitäten. Für geistige Werte und für die verborgene Welt Gottes ist kaum noch Platz vorhanden. - Die sinnenhafte Welt ist so laut, dass sie die leise Stimme Gottes übertönt. - Das Vordergründige ist so übermächtig, dass das Hintergründige verschwindet. - Eine breit angelegte ‚Oberfläche’ steht uns als Plattform des Lebens zur Verfügung. Warum sollen wir da noch in die Tiefe graben?

Bruder Klaus sah damals die Lilie – die zarte Liebe zu Gott – gefährdet. Heute ist nicht nur die Lilie gefährdet, sondern auch der Mensch, aus dessen Herzen heraus die Lilie wachsen soll. - Wenn die Lilie aufgefressen wird, dann verliert der Mensch seine geistige Mitte, seine Rückbindung an das Letzte und Tiefste, seine Verankerung in Gott.

III Was haben wir heutige Menschen zu lernen?

Vor Jahren habe ich von Jules Stauber, einem berühmten Karikaturisten, eine Zeichnung gefunden: Da ist ein mächtiger Baum dargestellt - mit Stamm und Krone und einem Wurzelwerk eigener Art. Die Pfahlwurzel ist eine Hand, die in die Erde hinunter reicht. Sie wird von einer anderen Hand gehalten. Das schien mir ein treffendes Symbol für uns Menschen zu sein:

Der Baum hat eine sichtbare Seite – Stamm, Äste, Blätter, Blüten und Früchte. Das ist auch in unserem Leben so: Wir wachsen in der Sonne einer Familie, behaupten unseren Platz im Leben und erfreuen andere Menschen mit Blüten und Früchten.

Ebenso wichtig ist für den Baum das unsichtbare Wurzelwerk, das ihn im Boden verankert und mit Nährstoffen und Wasser versorgt. Auch in unserem Leben braucht es ein solches Wurzelwerk. Da sind viele Hände, die uns halten und beschenken und viele Hände, die sich uns entgegenstrecken. Aber die letzte Sicherheit und das grösste Geschenk kann uns nur die Hand Gottes geben.

Der Baum ist ein anderes Bild, aber es geht um die gleiche Wirklichkeit. Wir laufen Gefahr, dass wir die im Boden versteckte Wirklichkeit übersehen und die zum Himmel wachsende Lilie als überflüssige Verzierung unseres Lebens betrachten.

Darum die Frage: Was kann uns Bruder Klaus mit seinem Bild von der Lilie und dem Pferd geben? Ich mache Sie auf drei Aufgaben aufmerksam.

Eine erste Aufgabe:

Wenn wir Mitmenschen treffen und uns gegenseitig nach dem Befinden fragen, wiederholen wir gerne die gleichen stereotypen Wendungen: ’Hauptsache, man ist gesund!’ oder: ‚Hauptsache, man kann noch arbeiten!’ oder: ’Hauptsache, man kann noch jeden Tag aufstehen!’ Dabei ist die eigentliche Hauptsache des Lebens vergessen oder verschwiegen.

Es ist verständlich, dass wir das Intimste unseres Lebens nicht gleich an die grosse Glocke hängen. Aber manchmal ist unsere Zurückhaltung doch zu gross und wir wenden das Wort Jesu in unpassender Weise an: ‚Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor’ (Mt 7. 6).

Wenn wir es genau nehmen wollten, müssten wir eigentlich sagen: ’Hauptsache, dass Gott uns erschaffen und berufen hat’. Oder: ’Hauptsache, dass Gott uns trägt und führt’. Oder: ’Hauptsache, dass er uns liebt und beschenkt’.

Wir wollen jetzt nicht um Worte streiten. Aber ich glaube doch, dass wir uns immer wieder daran erinnern müssen - wie Bruder Klaus: ’Gott hat mich schon im Mutterleib zu Grossem berufen. Er liebt mich wie seinen eigenen Sohn. Diese Liebesbeziehung ist das Zarteste und Tiefste meines Lebens. Aber sie braucht meine wache Aufmerksamkeit und sorgsame Pflege’.

Ich bitte Sie: Erinnern Sie sich regelmässig – täglich oder sogar stündlich - an diese Tatsache, damit nicht oberflächliche Werte oder Scheinwerte mit der Zeit Ihr ganzes Leben bestimmen.

Eine zweite Aufgabe

ist mit der ersten Aufgabe eng verbunden. Berufstätige wissen, wie viel es braucht, bis sie ihren Beruf für sich und andere zufriedenstellend ausüben können.
- Das Berufswissen muss immer neu überprüft und erweitert werden.
- Bei den handwerklichen Berufen muss jeder Handgriff eingeübt sein.
- Die Freude an der Arbeit muss - als wichtige Triebkraft – gepflegt werden.

Wenn wir die Lilie unserer Gottesbeziehung hegen und pflegen wollen, ist ein noch stärkeres Bemühen nötig. Denn da winkt nicht unmittelbar der Lohn oder das Lob des Chefs. Da ist das Ergebnis nicht mit Händen zu greifen. Auch ist Gott nicht in gleicher Weise erlebbar, wie ein lieber Mensch.

Aber wir dürfen mit Gottes Hilfe rechnen. Das zeigt uns ein Wort von Bruder Klaus an den Jüngling von Burgdorf: ‚Gott weiss es zu machen, dass dem Menschen eine Betrachtung so schmeckt, als ob er zum Tanze ginge, und umgekehrt weiss er ihn eine Betrachtung so empfinden zu lassen, als ob er im Kampfe streite. Auf die Verwunderung des jungen Mannes wiederholt er nochmals: ‚Ja, als sollt er an ain dantz gon.’

Was sollen wir also tun? Genau das, was Sie als Verliebte tun würden:

- Verliebte möchten möglichst viel voneinander wissen. Auch das Wissen um Gott ist spannend. Sie finden in der Bibel aufgezeichnet, wie Gott das Volk Israel über Jahrtausende auf den Messias hinführte, wie er die Kirche während 2000 Jahren wachsen liess, wie er die Menschen auch heute noch liebt – und dass die ‚Frohe Botschaft’ Jesu in die Zukunft weist.

Christen brauchen heute ein umfassendes Glaubenswissen, wenn sie in den vielen Gegenströmungen standhalten wollen. Das Kinderwissen aus dem Religionsunterricht genügt bei weitem nicht.

- Verliebte nehmen sich viel Zeit füreinander. Beten und still werden hat auch Niklaus von Flüe oft eine Überwindung gekostet, hat ihm aber alles gebracht, was er brauchte: Trost und Kraft, Wegweisung und Klarheit, Schutz und Sicherheit. Das Geheimnis der Liebe Gottes, die Eucharistie, war ihm soviel wert, dass er sogar allein aus ihrer Kraft leben konnte.

Christen brauchen heute viele und tiefe Glaubenserlebnisse, wenn ihre Überzeugung im bunten Wirbel der Weltanschauungen standhalten soll. Erlebnisse im Kindesalter müssen ergänzt werden durch Glaubenserfahrungen im Erwachsenenalter. Sonst blättert der Glaube ab wie die Farbe an der Hauswand.

Zur dritten Aufgabe

nur noch einen kurzen Hinweis: Wir machen oft die Erfahrung, dass sich unsere ‚Batterien’ beim Beten und Gottesdienstbesuch aufladen, sich aber bald wieder entladen, wenn wir im Alltag stehen. Ist der Alltag nur kräfteraubender Kampf?

Ein Kenner unserer Zeit, Pater Josef Kentenich, mahnt uns, wir müssten die Dinge und die Menschen und alle Begebenheiten unseres Lebens als Stufen benutzen, auf denen wir zu Gott emporsteigen. So sagt er:
- Jedes Ding ist von Gott geschaffen und zeigt auf den Schöpfer hin.
- Jeder Mensch ist dazu bestimmt, Wohnung Gottes zu sein und ermöglicht uns eine Begegnung auch mit ihm.
- In jeder Begebenheit unseres Alltages ist auch Gott im Spiel und begegnet uns als ein Gott, der schenkt, liebt, verzeiht, mahnt – und gelegentlich auch fordert.

Diesen Gott sollen wir in allen Begegnungen und Begebenheiten des Alltages wahrnehmen. Wir sind mit ihm auch im Alltag verbunden; und im Bündnis können wir immer und jederzeit die Hand hinhalten, dass er sie fülle.

Nehmen wir die Sorge um die Lilie unserer Gottbeziehung mit nach Hause. Beten wir in diesem heiligen Opfer, dass Gott sie wachsen lasse und vor dem Verschlingen durch ‚unser Pferd’ schütze. Amen

Pater Josef Banz, Pilatusstrasse 2, Postfach 126, CH-6072 Sachseln

Tel: 041 660 12 65 / seelsorgebruderklaus.com

     
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