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Rundbrief September 2017
 
     
   
     
 

Ja, als ob es zum Tanze ginge.

       
   

Über die Fleischwerdung des Glaubens

"Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen ... Er musste in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen. Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden." Hebr 2,14a.17f

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben

Über die Fleischwerdung des Glaubens soll es heute gehen. Das mag eine etwas irritierende Formulierung sein. Mit dem ausgewählten Text aus dem Hebräerbrief wird schon deutlicher, worum es mir geht. Wir gehen auf Ostern zu; auf das grosse Wunder unserer Erlösung durch Leiden, Kreuz, Tod und Auferstehung unseres Heilands. Aber Ostern setzt Weihnachten voraus. Und Weihnachten setzt das JA Marias zum unerhörten Heilsplan Gottes voraus.

Die Fleischwerdung des Wortes...

Dass Gott Mensch wird, unter den Menschen leben will, nicht nur einen Engel oder Propheten schickt, sondern selber kommt und sich klein macht, ist unerhört und einzigartig. Den Griechen – den Denkern, den Intellektuellen – eine Torheit, den Juden – auch den Muslimen – ein Ärgernis. Das sollte doch wirklich auf unsere Spiritualität abfärben und uns immer wieder über unsere Leiblichkeit nachdenken lassen. Das Problem des Körpers haben alle Menschen. Wie ein roter Faden durchzieht diese Frage die Menschheitsgeschichte: Wie verhält sich der Körper zur Seele, zum Geist?

Dabei wird man wohl selbstkritisch sagen müssen, dass in den letzten Jahrhunderten unserer, der Kirchengeschichte die Leiblichkeit eher schlechter wegkam. Geistliche Werte waren generell höher im Kurs. Der zölibatäre Klerus, die Hochschätzung der evangelischen Räte, der Ordensgelübde, eine Engführung der Ehe-Theologie auf den Aspekt der Fortpflanzung, eine Fixierung der Morallehre der Kirche und vieler Beichtväter auf das sechste Gebot. Von ganzheitlichem Menschenbild kann also schwer die Rede sein. Höchste Zeit also, hier etwas Gegensteuer zu geben und über die Fleischwerdung des Glaubens nachzusinnen.

Der Hebräer-Brief sagt es schön: "Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen." Mit der Menschwerdung Gottes hätten wir doch die besten Voraussetzungen, ausgeglichene Menschen zu werden, die dem Leib genau wie dem Geist und der Seele ein Gewicht geben in ihrer Lebensgestaltung. Indem sich Gott auf unsere Ebene begeben hat, sich gar abhängig gemacht hat vom Ja der Menschen, um uns ins Leben zu führen, macht er uns zuerst einmal deutlich, dass dies irdische Leben, so vernarbt und verwundet es ist, im Grunde doch gut ist und wert, geheiligt zu werden. Der Hebräerbrief geht ja noch ein Stück weiter und macht uns deutlich, dass der Sohn Gottes sosehr wirklich Fleisch angenommen hat, wahrer Mensch wurde, dass "er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat" und deshalb "kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden". Er ist uns also in unseren menschlichen, fleischlichen Schwierigkeiten solidarisch. Aber nicht nur das.

...die Fleischwerdung unseres Glaubens

Christus ist ja bleibend in uns gegenwärtig. Als Auferweckter, der die Grenzen des Leibes und des Todes gesprengt hat, wohnt er im Geist in uns. "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr" (1 Kor 3,16). Das ruft uns Paulus in Erinnerung. Diese edle Auszeichnung des ganzen Menschen kommt ja auch in den Sakramenten zum Ausdruck, in den konkreten Zeichen der Nähe Gottes zu uns Menschen. Er geht uns unter die Haut; im Wort, im Schauen des Antlitzes des Nächsten, in der Berührung, in der Salbung, im Mahl, im Eros.

Ich glaube, dass Klaus von Flüe davon viel verstanden hat. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, da unser Bild von ihm vor allem asketisch geprägt ist: Was soll einer, der die Welt floh und die letzen 20 Jahre seines Lebens derart enthaltsam gelebt hat, uns von diesen Dingen berichten können?

Nimmt man jedoch die ganze Biographie des Klaus in den Blick, so tritt eine sehr sinnliche Persönlichkeit in Erscheinung, die meiner Meinung nach Leib und Geist und Seele miteinander in Einklang bringt. Einem Vater von 10 Kindern wird man ja wohl schlecht nachsagen können, er sei ein lebensfremder, leibfeindlicher Asket. Die ganze Biografie in den Blick zu nehmen scheint mir sehr wichtig zu sein. Denn gerade bei Klaus kann man trotz radikalem Wechsel der Lebensform nicht von einem Bruch in der Biografie sprechen. Nie hätte Bruder Klaus etwas Ungrades über seinen ersten Lebensabschnitt gesagt oder seine Familie desavouiert, zuallerletzt seine Frau Dorothee. Im Gegenteil: der Kontakt zur Familie blieb bestehen und Dorothee hatte regen Kontakt zu ihrem ‚Glois’ und führte die Besucher zu ihm und verköstigte sie.

Das Zeichen des Fastens drückt sehr wohl eine Abkehr aus, ein sich Abgrenzen von den Ausschweifungen der durch die Burgunderkriege neureich gewordenen Landsleute etwa. Aber das Fasten ist kein Ausdruck grundsätzlicher Leibfeindlichkeit, sondern eher körperlicher Ausdruck der Sehnsucht nach geistiger Sättigung. Schaut man sich nämlich seine überlieferten Worte und Visionen an, findet man schöne und klare Bilder voller Sinnlichkeit, die nichts von einer vergeistigten, abgehobenen Schwärmerei haben.

Über die rechte Weise der Betrachtung des Leidens Christi gefragt, gibt Bruder Klaus einem Jüngling aus Burgdorf zur Antwort: "Nach welcher Art du es machst, so ist es gut ... Denn Gott weiss es zu machen, dass dem Menschen eine Betrachtung so schmeckt, als ob er zum Tanz ginge, und umgekehrt weiss er ihn eine Betrachtung so empfinden zu lassen, als ob er im Kampfe streite."

Dass Gott einem bei der Betrachtung des Leidens seines Sohnes Empfindungen schenken könne, wie man sie sonst auf der Tanzbühne hat, war schon damals ein irritierender Vergleich, weshalb es weiter heisst: "Als er aber vom Tanz sprach, sah ich ihn ein wenig an, als ob ich daran Ärgernis nähme, dass ein solcher Mann vom Tanze rede. Er bemerkte es alsbald und wiederholte den Ausdruck: Ja, als solt es an ain dantz gon." (Gröbli, 288). Wer zum Tanz geht, hat damals wie heute Hormonausschüttungen in Richtung Erotik; wer im Kampf streitet, steht zweifelsohne unter massivem Adrenalindruck und was weiss ich noch für welchen Spannungen; da geht’s massiv fleischlich zu und her. Klaus weiss, wovon er spricht, er kannte beide Erfahrungen.

Bei den Visionen insgesamt ist auffallend, wie konkret die Bilder sind: Stern – Stein – Öl – Turm – Wolke – drei wohlgestalte Männer – Lilie – Brunnen usw.

Zwei Aspekte möchte ich gern hervorheben. Sie sind der längsten, sinnlichsten, farbigsten Vision entnommen, nämlich der Pilgervision.

1. Klaus muss ein musikalischer Mensch gewesen sein.

Es gibt mehrere Quellen, die dazu etwas sagen. Eine ist eben die Pilgervision. Dieser unbekannte Pilger, der Klaus vorkommt, stand "vor ihm und sang dieses eine Wort: Alleluja. Als er anfing zu singen, füllte die Stimme die Gegend und das Erdreich und alles, das zwischen Himmel und Erde war, füllte die Stimme, wie es die kleinen Orgeln den grossen tun. Und er hörte aus einem Ursprung drei vollkommene Worte hervorgehen und wieder zurückkehren in ein Schloss wie eine Feder, die sehr stark vorschiesst. Und er hatte drei vollkommene Worte gehört, von denen keines das andre berührte, und er konnte doch nur von einem Wort sprechen." (Gröbli, 236).

Klaus kamen also auch Klangbilder vor. Er war sensibel auf Klänge und wusste diesen nie gehörten Klang zu integrieren und spirituell zu deuten. Das setzt doch voraus, dass er die Offenheit hatte, über andere Kanäle als nur das Wort zu lernen.

2. Ein anderer Aspekt in der Pilgervision ist höchst erstaunlich.

Klaus schildert diesen unbekannten Pilger ohne falsche Scham in sehr sinnlichen Farben: "Er war ein so adeliger, wohlgeschaffener Mann, dass er nichts anderes begehrte, als ihn mit merklicher Wollust und Begierde anzuschauen. Sein Gesicht war braun, so dass es ihm eine adelige Zierde gab. Seine Augen waren schwarz wie der Magnet, und seine Glieder waren so wohlgeschaffen, dass sie eine besondere Herrlichkeit an ihm waren..." Etwas weiter ist beschrieben, wie dieser sich nunmehr gewandelte Pilger auf Klaus wirkt: "Da erkannte er an ihm solche Liebe, die er für ihn hegte, dass er in sich geschlagen war, und erkannte, dass er diese Liebe nicht verdiente, und erkannte, dass die Liebe in ihm war." (Gröbli, 237)

Klaus hatte offensichtlich keine Mühe, von einer sehr sinnlichen Erfahrung ausgehend auf die Gottesliebe zu schliessen. Die Beschreibung dieses Pilgers hat geradezu erotische Züge. Klaus kann dies ohne falsche Scham oder Verdrängung wahrnehmen und in sein Gottesbild integrieren. Der liebende Gott ist kein in Ferne Thronender, er ist griffig nahe gekommen und bedient sich aller Sinne, um unsere Liebe zu gewinnen!

Impulse für unser Glaubensleben

Der Glaube muss Fleisch werden, er darf nicht nur im Kopf bleiben, da wird er abgelegt wie ein Dossier im Aktenordner. Klaus ist ein gutes Vorbild für eine praktische Glaubens-Intelligenz: Erkenntnis muss bei mir ankommen, unter die Haut gehen. Der Glaube muss sich mit meinen Erfahrungen verbinden; meine Fleischlichkeit ist der Ort der Gottesbegegnung.

Die Gesellschaften aller Zeiten und auch wir müssen die Beziehung von Leib und Seele und Geist ausbalancieren. Aus der Geschichte können wir lernen, Extreme zu meiden. Sind viele heutzutage der Versuchung ausgesetzt, den Körper, die Sinnlichkeit zu vergöttern und einem Körperkult zu erliegen, sind gleichzeitig andere im Spital der Leibfeindlichkeit krank: sie verdrängen und verleugnen die Fleischlichkeit ihrer Existenz. Klaus ist eine originelle Gestalt, die in beiden Lebensperioden Wege suchte und fand, Leiblichkeit und Geistigkeit zu versöhnen. Er und seine Frau mögen uns hier Vorbild und Fürbitter sein.

Noch mal anders gesagt: Ich glaube, dass es in unserer heutigen Zeit wichtig ist, eine Askese der Sinnlichkeit zu pflegen. Einen bewussten Umgang mit sinnlichen Reizen. Das ist heute schwieriger als früher. Ich muss heute 100mal täglich entscheiden, ob ich dies hören oder das sehen will. Der sinnliche Asket im Ranft kann uns Wegweiser und Fürbitter sein: den Weg einer bejahenden Leiblichkeit zu finden im Dschungel der feilgebotenen Sinnlichkeit.

Es gibt, wie gesagt, nicht nur das intellektuelle Gedächtnis, viel wichtiger vielleicht ist das Erfahrungsgedächtnis, das Körpergedächtnis. Wir sind körperliche Wesen, und Gewohnheiten schreiben sich in unseren Körper ein. Wir kennen das vom Maschinenschreiben oder von eingefleischten Handlungsabläufen in unserem Beruf. Ein Pianist hat mir kürzlich erklärt, dass ihn das Muskelgedächtnis über einen mentalen Aussetzer im Konzert hinweggerettet hat. Das heisst, dass die Finger trotz momentaner Konzentrationslücke selbst wussten, wo es lang geht, da sie diese Partie schon so oft geübt und gespielt haben. Deshalb ist es so wichtig, ganzheitlich mit Gott in Beziehung zu treten, körperlich zu beten: Auch die Glaubenspraxis, die Frömmigkeitsübungen schreiben sich in den Körper ein. Die Gebetshaltung, die Gesten, das Kreuzzeichen, die Kniebeuge helfen unserem schwachen Glauben, unter die Haut zu gehen. Deshalb meine Empfehlung: kürzen Sie beim Gebet eher bei den Worten als bei den Gesten. Die schreiben sich stärker ins Bewusstsein ein als viele Worte.

Zum Beten mit Worten helfen uns am meisten die Psalmen. Sie lehren uns, den ganzen Menschen mit Gebresten und Hader, mit Freude und Übermut vor Gott zu tragen. Und wenn es zum Beten läutet, warum nicht die alte Tradition des Angelus neu beleben? Es ist ein reiches, profundes Gebet, eine Kurzformel unseres Glaubens, die uns täglich die Fleischwerdung des Wortes in Erinnerung ruft.

Haltungen, Gewohnheiten sind auch deshalb zu pflegen, damit sie uns einmal ein Loch überbrücken können. Wie das Muskelgedächtnis der flinken Hände den Pianisten vor einem peinlichem Aussetzer bewahrt hat, ihn in einer Konzentrationsschwäche rettete, so kann auch die Praxis, die Gewohnheit des Kniens, des Händefaltens, des Aufsagen von auswendig gelernten Gebetstexten über Lücken hinweg tragen. Dafür brauche ich mich nicht zu schämen. Viele grosse Mystiker beschreiben grosse Löcher, Glaubensfinsternisse, die durch die Wiederholung der Gesten und Gebete, an die sie im Moment nicht mehr glauben konnten, überbrückt wurden.

Zum Schluss ein Wunsch, der mir besonders am Herzen liegt. Uns steht im Gegensatz zu Klaus ein immenser Schatz an hoher Kunst zur Verfügung, die uns zu uns selbst und Gott hin führt. Klaus selbst hat uns solch ein Kunstwerk im Radbild und indirekt im Betrachtungsbild hinterlassen. Sich einem Kunstwerk auszusetzen kann zu einem Gnadenmoment werden, der unsere verkrusteten Denkformen auflöst und weitet. Welche Bilder, welche Klänge könnten das heute für mich sein? Vielleicht ist es einmal mehr eine Bach-Passion oder eine Mozart-Messe, die mich zu verwandeln vermag. Oder einfach auch nur ein neues Lied. Oder ein Orgelstück von Olivier Messiaen, des wohl katholischsten Komponisten des letzten Jahrhunderts.

Dass die Auseinandersetzung mit Kunst zu einem Sakrament der Gottesbegegnung werde, wünsche ich ihnen und mir, und dass das österliche Alleluja uns allen zu einer Erfahrung wird, wie sie Bruder Klaus in der Pilgervision hatte!

     
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